Beim Bügeln kam die Idee zum Massenmörder: Franziska Steinhauer mit neuem Krimi „Gewitter über dem Spreewald”
Cottbus. Die Lust auf Krimi kam an einem Abend, als die Tochter 16 war und abends im November fragte, ob sie noch mal raus zum Baden könne. Der See lag drei Minuten vor der Haustür, es war nebelig, und die Mutter sagte, was Mütter eben sagen: Aber sei zum Abendbrot zurück!
Und da Franziska Steinhauer zwar Mutter ist, trotzdem aber sehr von dieser Welt, hat sie überlegt: Baden im November? Vielleicht wartet draußen eher ein junger Mann mit einem Auto, das sich heizen lässt. Bis heute weiß sie nicht genau Bescheid, was an dem See passierte. Oder in dem Auto. Nur so viel: Die Tochter war pünktlich daheim.
Franziska Steinhauers Lust auf Krimi ist größer als die Angst
Um die Sache nun zu Ende zu erzählen, die im Leben der Autorin Steinhauer ein Anfang war von mittlerweile 38 selbst geschriebenen Krimis, sagt sie heute in einem Cottbusser Café: „Als meine Tochter draußen war, nahm ich mir den Bügelkorb, eine Sache, die ich wirklich hasse – und beim Bügeln überlegte ich, was wäre, wenn da draußen, im November am See, ein Massenmörder rumläuft.“ Sie hatte keine Angst um ihre Tochter, aber große Lust, die Geschichte mit dem Mörder auszuformulieren.
Das war 2005. Sie hatte gleich eine Geschichte im Kopf, wie sie immer Geschichten im Kopf hat – schon als Kind, als sie zur Oma ging und rief: „Oma, weißt du was?“ Und die Oma sagte: „Schon gut, Kind, schreib’s auf!“ Das Schreiben war Ventil. Und blieb es. Als Lehrerin hat sie alleine eine Schulzeitung gefüllt, für die Kinder.

Die Sache mit dem See, der Tochter und dem Nebel im November, die Unlust auf das Bügeln und die Fantasie vom Mörder, die ihr durch den Kopf ging, hat etwas in ihr angezündet. Einem Literaturagenten hatte sie davon erzählt. Lokales Kolorit, Kriminalgeschichte, ein Kommissar mit Namen Peter Nachtigall, weil in ihrem Garten eine Nachtigall gewohnt hat. „Super“, sagte der Agent, „regionale Bücher laufen bestens!“
Und so erschien im Jahr 2006 der erste Peter-Nachtigall-Krimi unter dem Titel „Racheakt“. In diesem April ist der 18. Band mit Nachtigall erschienen. Alle spielen sie in Cottbus und Umgebung, vorzugsweise im Spreewald.
Vorbehalte? Habe ich nie erlebt.
Franziska Steinhauer
über ihre Rolle der Zugezogenen aus dem Westen
Bei aller Liebe zum Lokalen, Regionalen und Heimatlichen zählt zur Wahrheit, dass Franziska Steinhauer eine Zugezogene ist. Aus Baden-Württemberg, aus Freiburg im Breisgau. Was für sich genommen kein Delikt ist, doch als Westdeutscher im Osten ist man nicht durchweg willkommen. „Vorbehalte? Habe ich nie erlebt“, sagt sie, die 1993 mit ihrem Mann, drei Kindern und einer Katze nach Cottbus kam, weil ihr Mann als Arzt ans Klinikum der Stadt gegangen ist.
Als sie neu in Cottbus war, grüßte sie die Leute in der Bahn. Eine der Gegrüßten fragte: „Kennen wir uns?“ Steinhauer sagte: „Nein, aber das müssen wir doch gar nicht, um freundlich zu sein.“ Kurze Pause. „Da haben Sie auch wieder recht“, sagte die Frau.

Franziska Steinhauer, geboren 1962, erzählt, „wenn ich irgendwo lebe, möchte ich etwas geben, mich engagieren, um den Ort noch schöner zu machen.“ Sie arbeitet ehrenamtlich unter anderem im Verein für Schloss und Park Branitz, im Cottbusser Tierheimverein und im Förderverein der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU).
Peter Nachtigall, ihr Kommissar, ist knapp zwei Meter groß. „Vielleicht, weil ich selbst so klein bin: 1,58 Meter“, sagt die Autorin. Sein Leben hat sich binnen 18 Romanen entwickelt, eine Ehe ging zu Bruch, er hat nun eine neue Partnerin, er hat zwei Katzen, weil sie an den Tatorten so herrenlos herumgelaufen sind, ihm in die Arme. Und schlanker wird er auch nicht. Immer, wenn er endlich mal zum Sport will, klingelt das Handy: ein neuer Fall.
Im neuen Buch von Franziska Steinhauer geht es um die Gamer-Szene
Im aktuellen Band geht es auch um die Gamer-Szene, um Online-Spiele. Eine Frau aus diesen Kreisen liegt tot am Aussichtsturm des Cottbusser Ostsees, einem Riesensee im Becken des alten Tagebaus. „Die Gamer sprechen nahezu zwei Sprachen, eine im Alltag, eine im Internet, das war eine Herausforderung fürs Schreiben.“
Franziska Steinhauer machte sich schlau. Recherche ist für sie die Basis, damit die Story nicht zusammenklappt – genauso gilt das für die Schweden-Krimis, die sie um den Ermittler Sven Lundquist gruppiert, und die historischen Krimis, zum Beispiel um Fürst Pückler, der sich um den Branitzer Park verdient gemacht hat.
Es geht mir gut. Das Krimischreiben ist der reine Spaß.
Franziska Steinhauer
auf die Frage, ob sie von einer dunklen Seite getrieben wird
38 Bücher. Alle Krimis. Was ist der Antrieb? Eine dunkle Seite, eine Aggression, die bewältigt werden will? „Nein, es geht mir gut. Das Krimischreiben ist der reine Spaß.“ Mehr Rezeptur, mehr Psychologie möchte sie nicht hineinlegen.
Für die Stoffe hat sie viel investiert. Zum Beispiel ein Studium der Forensik an der BTU, in dem sie lernte, wie Kriminalfälle erkannt, verfolgt und aufgeklärt werden. Es hat sich ausgezahlt.
Der Zufall will es, dass es einen Berliner Ermittler mit dem Namen Peter Nachtigall tatsächlich gibt. Ihm wurde einer der Steinhauer-Krimis geschenkt, er fand ihn toll, seine Frau hat angefragt bei der Autorin: „Könnten Sie ihm bitte ein Buch zum Geburtstag signieren?“ Kein Problem. „Seither schicke ich Nachtigall, dem Echten, fast jährlich zum Geburtstag ein Buch von Nachtigall, dem Fiktiven.“ Nahezu jedes Jahr erscheint ein neuer Roman. Der echte Nachtigall lobt: realistisch und spannend geschrieben.
Es gibt Themen, die bilden einen Schwerpunkt in ihren Büchern, ohne dass sie ständig auf der Tagesordnung stünden. Die Kraft der Frau und auch die Rechte der Frau zählen dazu. Im aktuellen Buch „Gewitter über dem Spreewald“ geht es um die Gamerin, die von Männern keine Anerkennung findet und zeigen muss, was in ihr steckt.
Nachtigall, der Kommissar, indessen „hat auch Qualitäten, die ich fast weiblich nennen würde – in Krisenzeiten kann er Menschen bemuttern.“
Da sind wir wieder bei der Mutter. Sie, die ihre Tochter abends im Nebel zum See spazieren lässt. Vielleicht ist das ein Gottvertrauen, in diesen Stunden keine Angst zu haben. Auch ein Gottvertrauen, Menschen im Buch sterben zu lassen, um die Psyche der Täter zu durchleuchten und sie am Ende zu entlarven.
Steinhauer ist keine Nihilistin. Sie glaubt an etwas, sie hofft auf etwas. Dass Energie Cottbus in die zweite Liga aufsteigt – das hofft sie. Dass ein „Guten Morgen“ im Zug, auch zu einem fremden Menschen, den Tag zu einem besseren macht – das weiß sie.




